16te-Paris-Brest-Paris
Ich bin nun allein unterwegs, überhole ein paar Einzelfahrer und bin endlich wieder frohen Mutes. Auf jedes Tief folgt auf der Langstrecke unweigerlich ein Hoch. Es wird sogar noch besser, als hinter mir der Dänen-Express anrollt. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, dass das auch der Trupp ist, mit dem ich am nächsten Morgen in Paris einreiten werde. Ich frage die Dänen, ob ich mich bei ihnen einklinken darf.

Kein Problem, wenn du mitarbeitest, heißt es. Ihr System kommt mir absolut entgegen. Bergauf stetig, aber auf keinen Fall zu schnell, die Gruppe bleibt stets zusammen- bergab und im Flachen aber recht zügig, so wie ich es liebe. Und tatsächlich bis Tinteniac funktioniert unsere zehnköpfige Gruppe perfekt. Sechs Dänen, zwei Italiener ein Franzose und ich. Auch wenn die Dänen bei der Kontrolle dort arg trödeln, lohnt es sich auf jeden Fall, auf sie zu warten. Zu meiner Freude ist Siggi, den ich in den Müdigkeitswirrnissen des Morgengrauens verloren glaubte, auch wieder mit dabei.

Er hat Probleme mit dem Fuß, der mal gebrochen war. Er bekommt keinen Druck mehr aufs Pedal, kann nicht mehr so schnell wie sonst fahren. Irgendwo auf der Strecke nach Fougeres ist er dann plötzlich nicht mehr in unserer Gruppe.

Kurz vor Fougeres verliert die Gruppe allerdings ihren brillanten Rhythmus. Das liegt an etwa zwei Dutzend Franzosen, die wir unterwegs nach und nach eingesammelt haben. Während wir vorne in Zweierreihen abwechselnd Tempo machen, sabotieren die Franzosen die Führungsarbeit geradezu. Mal fährt nur einer zickzack vorne herum und wenn es zwei sind, nehmen sie die Beine hoch und fangen an zu quatschen. Ich bin nur noch am Bremsen und muss höllisch acht geben, dass ich meinem Vordermann nicht ins Rad fahre.

So macht das keinen Spaß mehr, zumal das Stück bis Fougeres eigentlich ideal für eine schnelle Gruppe ist.
Nach der Kontrolle in Fougeres, wo wir erstmal ausgiebig tafeln, geht das leider so ähnlich weiter. Irgendwann haben wir wieder alle Franzosen, die kürzer pausiert haben, eingeholt, und die Trödelei beginnt erneut. Entweder verstehen sie nicht, dass eigentlich alle von regelmäßig abwechselnder Führungsarbeit profitieren oder sie wollen es einfach nicht. Mit dabei auch der lange Pierre aus Villaines, wir freuen uns beide riesig uns wiederzutreffen. Schließlich haben wir uns vier Jahre nicht gesehen.

2003 bin ich mit ihm und seinem Kollegen die letzten 200 km nach Paris zusammen gefahren, es gibt sogar noch ein schönes Foto, auf dem wir gemeinsam in den letzten Kreisverkehr einbiegen. Er sagt mir, dass es für ihn ziemlich hart sei und er schon am Limit fahre.
Wahnsinn - Attacken bei Kilometer 980
In Richtung Villaines wird das Terrain jetzt hügeliger und jetzt zeigt sich erst, was die Dänen so alles auf Lager haben. Ihr inoffizieller Anführer ist Stig Lundgaard, mit sagenhaften 22 gefahrenen Brevets über 1200 km konkurrenzloser Weltrekordler in dieser Disziplin. Wenn einer Erfahrung auf langen Strecken hat, dann er.

Was mir zunächst völlig irrsinnig erscheint, erweist sich aber im Nachhinein als genialer Schachzug. Um wieder Zug in die Gruppe zu bringen, wollen die Dänen am Berg attackieren und die Franzosen abhängen. Langsam rollen wir alle nach vorne, ein Kommando auf Dänisch, gut dass ich eingeweiht bin, drei, vier Gänge hoch geschaltet und mit 30 geht es bergauf.

Ein Blick nach hinten, etwa 200 Meter zurück die Franzosen.

Oben auf der Kuppe spannt Stig sich vor den Zug und mit 60 geht es hinab. Hätte mir vorher jemand gesagt, dass bei Kilometer 980 attackiert wird, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Aber es klappt, die Franzosen sehen wir erst wieder, als wir nach einem kurzen Fünf-Minuten-Halt aus Villaines wieder herausfahren und sie gerade ankommen.

Was Brest für die ganze Tour, nämlich der Wendepunkt, das ist Viellaines für den Rückweg, die magische 1.000 km -Marke ist geknackt. Erstmals wird die noch zu absolvierende Distanz überschaubar - nur noch 230km - ein Marathon, mehr nicht.
Es ist erst halb neun, wir können noch ein Stündchen im Hellen vorwärts kommen, und auch wenn die Anstiege nicht mehr so locker wegzustecken sind- morgen früh sind wir in Paris. Dazu ist es trocken und wir schaffen es tatsächlich in flotten drei ein halb Stunden gegen Mitternacht Mortagne zu erreichen.

Hier wird natürlich erst mal ordentlich gefuttert, das Buffet ist gigantisch, wir haben die Qual der Wahl- Spagetti Bolognese, Salat und ein göttlicher Rosinenpudding.

Allerdings klappt das mit dem Bezahlen nicht so richtig, der netten Dame an der Kasse wird von einem Experten zunächst ausführlichst die Funktionsweise der einzelnen Tasten an der Registrierkasse erklärt. Mein Essen wird langsam kalt, außerdem bin ich hungrig wie ein Bär, also lege ich einfach einen Geldschein hin und setzte mich an den Tisch.

Passt schon. Während wir drinnen fürstlich speisen, haben sich draußen die Witterungsbedingungen nachteilig entwickelt.
Als wir satt und zufrieden zu unseren Rädern kommen, regnet es unaufhörlich. Ruckzuck ist die Moral wieder gesunken, gut dass ich noch nicht weiß, das es bis Paris pausenlos regnen wird. Dazu kommt, das die vorletzte Etappe auch schon vor vier Jahren die Übelste der ganzen Strecke war.
Eine Nacht am Limit
Für einen Schlussspurt bis Paris ist es zu früh, hell wird es auch noch lange nicht, und die ersten zwei Stunden aus Mortagne heraus sind vom Profil sehr heftig. Merkwürdigerweise geht es jetzt bergauf ganz gut, dank Kompaktkurbel, die inzwischen als Verlängerung meiner Füße sozusagen schon Teil meines Körpers ist, kann ich bis Paris alles auf dem großen Blatt wegdrücken, und wenn mal ein Loch entsteht, fahre ich es sofort zu. Die Beine machen keine Probleme, aber der Regen erfordert Schwerstarbeit vom Kopf- bei den schnellen Abfahrten ist allerhöchste Konzentration angesagt. Da die Bremsen nach Hunderten Kilometern auf nassen Straßen nur noch teilweise greifen, würde jeder Fahrfehler gnadenlos bestraft.

Als Brillenträger wird mir durch die Tropfen auf den Gläsern die Sicht erschwert und auch meine 90 Kilo machen den Bremsweg nicht kürzer. Ich begreife, dass das, was hier passiert, einer absoluten Extremsituation gleicht. So bin ich noch nie im Leben gefahren und so werde ich auch wohl nie wieder auf dem Rad sitzen. Radsport am Limit, Kilometer abreißen in Trance, wie an einer Kette gezogen, sausen wir hinab, fliegt der erste, dann fliegen alle.
Eigentlich absoluter Wahnsinn nach einer solchen Mammutdistanz noch so zu brettern- aber eine Alternative gibt es nicht, will ich nicht mutterseelenallein durch die finstere und verregnete Nacht fahren.

Die Dänen wollen jetzt nämlich die magische 60-Stunden-Marke unterbieten.

Vor dem Start hatte ich mir das auch vorgenommen, aber angesichts der Bedingungen am Dienstag und der anschließenden verlotterten Nacht hat mich das nicht mehr so besonders interessiert.

Beim diesjährigen Paris-Brest haben fast alle Teilnehmer ihre Zeitvorstellungen nach und nach korrigieren müssen- nach unten.
Die Dänen werden dagegen immer schneller- auf dem langen Flachstück vor Dreux fahren sie ein Höllentempo, unser Peloton ist jetzt zweigeteilt. Fünf Dänen und Tony der Schwede bolzen an der Spitze - hinten sind wir zu viert und bleiben nur noch dran, was manchmal schwer genug ist. Kurz vor Dreux, dann eine Schrecksekunde, als mein Vorderlicht kurz ausgeht, ist aber nur ein Wackelkontakt. Das würde mir jetzt noch fehlen, denn die zweite Lampe vorne habe ich unmittelbar nach der Kontrolle am Start wieder abgeschraubt, um unnötigen Ballast zu vermeiden.

Beim nächsten Mal werde ich mir aber auf jeden Fall den Luxus einer zweiten Lampe leisten- auch zwei Rücklichter kommen dann ans Rad.

Hat den Vorteil, dass man wegen des kaputten Lichtes dann nicht extra anhalten muss.

Als wir kurz vor fünf die riesige Kontrollhalle von Dreux verlassen, bleiben also noch knapp über drei Stunden um rechtzeitig ins Ziel zu kommen. Und was machen die Dänen jetzt- sie werden noch schneller, hinterher sehe ich auf meinem Tacho, dass der Schnitt seit Loudeac konstant bei knapp unter 26 geblieben ist.

Auf dem letzten Teilstück überholen wir etwa fünfzig Fahrer, vor allem an den Anstiegen lassen wir sie einfach stehen. Mir ist es nach wie vor ein Rätsel, wo nach 1.200 harten Kilometern die Kraft herkommt. Später bemerke, dass sich meine Platten für die Look-Pedalen bei dem ständigen Druck total verzogen haben, ich kann sie kaum losschrauben.

Als wir um Punkt sieben nur noch 13 Kilometer bis ins Ziel haben- ist es geschafft, die letzten, die ätzenden Kilometer durch die Vororte mit Ampeln und Berufsverkehr können so mit der gebotenen Vorsicht gemeistert werden.

Als wir in den letzten Kreisverkehr am Ziel einbiegen, stehen dort sogar drei hart gesottene Zuschauer mit Regenschirm und applaudieren- immerhin, aber kein Vergleich zu den Massen, die dort am Freitag die Heimkehrenden begrüßen.

Es ist Donnerstag morgen- nach exakt 59:39 Stunden ist das 16. Paris-Brest-Paris für uns beendet. Es war weitaus härter als erwartet, aber ich habe es ohne große Blessuren überstanden. Dank Kompaktkurbel, doppeltem Lenkerband und trockener Ersatzhosen konnten Schäden an Knie, Händen und Hinterteil vermieden werden. Mit dem Dänen-Express hatte ich zudem das Vergnügen mit dem erlesensten Trupp meiner Radkarriere- und ich war schon mit richtig guten Leuten unterwegs- die letzten 450 Kilometer absolvieren zu dürfen.

Dank an Stig, Henrik, Jens, Per, Fynn und Tony. Auf das wohlverdiente Zielbier müssen wir leider verzichten, der Ausschank an der Halle ist noch geschlossen.

Gottlob war mein Hotel nur einen km vom Ziel entfernt, mehr hätte ich meinem vor Dreck starrendem Rad auch nicht mehr zumuten dürfen und so konnte ich nach ausgiebigem Schlaf noch einen schönen Donnerstagabend und Freitag in St. Quentin genießen.

„Jedes Paris-Brest ist anders", der Spruch des alten Schweden trifft es auf den Kopf. Wahrscheinlich wird uns 2011 eine Hitzewelle bis dahin unbekannten Ausmaßes heimsuchen, uns bei 40 Grad bei lebendigem Leib braten und den Asphalt unter den Reifen schmelzen lassen.

Aber was soll´s- ich freue mich schon auf das 17. Paris-Brest in vier Jahren und bin sicher - auch das werden wir hinkriegen.